Saisonrückblick Teil 7 - Martin Ruesseler beim härtesten Triathlon der Welt
Norseman 2010
Der Wecker klingelt, es ist irgendwo zwischen zwei und halb drei und es fröstelt mich. Irgendwas um die acht Grad. Ein Blick durch das beschlagene Fenster raus und im Halbdunkel des Hardanger Vidda drückt es die Wolken durch das Tal. In einer entfernten Nachbarhütte ist auch schon Licht an. Gemäß eines in der Szene nicht unbekannte Slogans: ...der "allerlängste Tag des Jahres" hat begonnen...
Meine Supporter schälen sich langsam wortlos aus dem Bett und der Duft von Kaffee erfüllt die Bude. Noch eine Portion Hamsterstreu mit Milch und ein halbes Brötchen reingewürgt und schon müssen wir uns auf den Weg nach Eidfjord machen. Dauert durch die vielen Tunnels von hier oben mindesten eine halbe Stunde. Hin und wieder fährt ein Auto mit Norseman Aufkleber vor uns - also noch ein paar mehr Verrückte, die sich bei dieser Kälte zu Grunde richten wollen.
In Eidfjord werden wir von der besoffenen Dorfjugend lautstark begrüßt, die auf dem einzigen Platz – der Ortsmitte sozusagen - mit einem Berg Bierdosen und Wodka Flaschen ihren angebrochenen Abend ausklingen lassen. Da das Auto randvoll mit Gepäck ist, muss ich das Rad jetzt erst einmal zusammenbauen. Langsam füllt sich der Platz und dick eingepackte Gestallten schieben ihre Fahrräder mit bleichen Gesichtern in die Wechselzone. Dort brennt auch schon ein Lagerfeuer und die Beleuchtung der Räder wird kontrolliert, da dieses mal durch alle kilometerlangen Tunnels gefahren werden muss, denn die alte Straße ist steinschlaggefährdet.
Es wird Zeit sich mit dem kleinen Schwarzen einzukleiden und auch die Neofüsslinge nicht zu vergessen, die Fähre geht pünktlich um vier Uhr raus. Die Supporter und Zuschauer machen noch Bilder von dieser fast gespenstischen Szenerie und langsam verschwinden wir in der Dunkelheit, die Lichter vom Kai werden immer kleiner. Unter Deck und in den Gängen stehen und sitzen lauter schwarze Gestallten mit Tunnelblick, die scheinbar immer blasser werden, je näher wir zur Absprungstelle kommen. Und ich muss auch schon wieder auf die Box...aber eine Banane geht noch- ist neben den grünen Bademützen auch ein willkommener farblicher Kontrast.
Das Schiff wird langsamer und jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf Deck läuft mir Susa noch über den Weg und irgendwie sieht sie auch etwas nervös aus...
Ich folge den ganzen anderen Schwimmbrillen Richtung Bugklappe und als ich an der Reihe bin gilt es die Brille festzuhalten und die Luft anzuhalten: Absprung und nach ein paar Sekunden Einschlag in den kalten Fjord. Habe irgendwie das Gefühl 4 Meter unter Wasser getaucht zu sein und kommen nun wieder an die Oberfläche. Gottseidank, die Brille ist noch da, wo sie hingehört. Es dauert nicht mehr lange und das Schiffshorn ertönt: ein Haufen grüner Bademützen pflügt dem Sonnenaufgang entgegen, ein Moment, den ich während des ganzen Jahres immer wieder vor Augen hatte.
Also Platz ist hier jedenfalls genug, allerdings komme ich nicht so wirklich voran. Nach einer gefühlten Unendlichkeit taucht der Kai von Eidfjord wieder auf und die erste Etappe ist geschafft. Ein Blick auf die Uhr und ich glaube einen Augenfehler zu haben: 1:30 so langsam waren wir ja noch nie! Gar nicht nachdenken, umziehen, allerdings so richtig mit warmen Sachen und so. Also kein 2 Minuten Blitzwechsel. Aufs Rad und die letzen Instruktionen an meinen Support. Jetzt volles Rohr oder besser, es geht ja jetzt gleich mal knapp 40 Kilometer mit ca. 10% bergauf, da wird’s einem doch gleich warm ums Herz. Einen nach dem anderen einsammeln und immer zügig bergan durch die Tunnels – irgendwie eine unglaubliche Szenerie.
Bis ich Dyranut ankomme, habe ich zumindest wieder einen großen Teil der entkommenen Schwimmer eingesammelt. Mein Support steht auch schon mit den Radflaschen parat und es kann nahtlos weitergeballert werden. Jetzt kommt das Stück für die Heizer über diese grandiose Hochfläche im morgendlichen Sonnenlicht. Allerdings sind die Temperaturen immer noch saukalt und mich friert es bei jeder Abfahrt trotz der zwei Westen übereinander. Bis Geilo kann ich nochmal gut zulegen und dann kommen die nächsten Bergetappen, aber es kommen nicht nur die, sondern auch noch ein kräftiger Wind dazu. Irgendwann ist dann der abschließende 10km Anstieg am Immingfjell in Sicht und jetzt werden die Beine langsam schwer. Ich sehe Mathias, der als einer von Susas Supportern an der Strecke steht, also kann auch sie nicht mehr weit sein. Nach einer Höllenabfahrt vom Hochplateau auf katastrophalem Asphalt noch einmal Abbiegen und T2 liegt vor einem.
Fahrrad wegwerfen und Laufsachen vom Support holen, dann kann des Dramas dritter Teil seinen Lauf nehmen. Geht für den Anfang ganz gut, aber ich kriege die Temperatur noch nicht so richtig geregelt, ohne Jacke zu kalt, mit Jacke zu warm. Jetzt ist der Supporter voll gefragt, alle paar Kilometer Cola oder Vitargo. Dem Magen geht’s nach wenigen Kilometern ganz gut und das Tempo passt. Dann taucht er auf, der majestätische Berg, der Gipfel ist in den Wolken und ich hoffe nur, dass wir dieses mal auch bis oben rauf kommen.
Kurz vor Rjukan laufe ich erst auf die Verfolgerin aus den Niederlanden, und dann auf Susa auf. Sie liegt vorne und hat eine Abstand von ca. 8 Minuten auf die Zweite- sieht gut aus.
In Rjukan selbst beginnt der Norseman dann richtig und die Ersten sind schon am gehen, jetzt beginnt die Passstraße alias Zombie Hill. Serpentine für Serpentine... ich versuche auf keinen Fall stehen zu bleiben und immer konstant langsam zu laufen. Dank der wenig geliebten Kraftstudioeinheiten geht das aber ganz gut.
Der erste medical Check kommt und weiter zum zweiten Checkpoint. Dort wartet mein Support mit meinem Rucksack. Jetzt geht es von der Straße auf den Singletrail und es wird richtig steil.
Ich schaue nur noch auf den Boden und die Felsblöcke und haste bergan. Mein Support ist schon außer Atem, schlägt sich aber wacker durch. Erste gegen Ende muss er abreißen lassen und ich stolpere weiter wie ein dressierter Affe dem Ziel entgegen. Hin und wieder blinkt die gelbe Reservelampe auf. Hinter mir brüllt eine Gruppe von Leuten wie verrückt und ich registriere noch irgendwie, dass es die Leute von Susa sind. GESCHAFFT !!! nach 13:12 stehe ich am Gipfel und sehe nur noch Sternchen…… Kurz darauf schlägt Susa mit neuem Streckenrekord ein. Irre…
Eine Viertelstunde später ist auch mein Support oben...und 3 Stunden später sitzen wir am Buffet, hauen rein was geht und können noch gar nicht richtig fassen, dass der "allerlängste Tag des Jahres" vorbei ist und alles reibungslos funktioniert hat!
Tags drauf folgte natürlich noch bei schönsten Sonnenschein das obligatorische Finisher - Gruppenfoto mit dem Gausta im Hintergrund.